PJ im NHS: Die medizinische Versorgung in East Kent teilt sich auf drei große Stützpunkte auf. Davon ist das KCH das kleinste Haus und übernimmt Nephro, Neuro, Urologie, Gefäßchirurgie und Ortho. Eine internistische oder chirurgische Notaufnahme oder anderen Fachrichtungen sind in Canterbury nicht angesiedelt. Ich habe mein PJ in der Gefäßchirurgie verbracht und war hier einem Consultant als Betreuer zugewiesen. Das ist in England so üblich und hat in Canterbury auch hervorragend funktioniert. Mein Betreuer hat sich regelmäßig bei mir gemeldet und nach Wünschen oder meinen Lernzielen erkundigt und mich per WhatsApp zu interessanten OPs eingeladen. Ich war aber auch bei den anderen Consultants und Registrars immer gerne im OP oder der Ambulanz gesehen und wurde insgesamt sehr gut ins Team aufgenommen. Mir wurde auch zu keinem Zeitpunkt das Gefühl vermittelt, dass ich im Weg rumstehe oder eine extra Belastung darstelle. Stattdessen haben sich eigentlich immer alle gefreut, wenn ich die Tage bei Ihnen in der Ambulanz oder OP verbracht habe und sich immer aufrichtig für meine Hilfe bedankt, wenn ich im OP mit am Tisch war oder in der Ambulanz zugeschaut habe. Diese Wertschätzung und Einstellung zum Teaching in England waren für mich anfangs sehr ungewohnt, da ich das aus Deutschland einfach so nicht kannte. Nach einer Zeit durfte ich auch erste Assistenz machen, bzw. wurde explizit von Registrars angesprochen und gefragt, ob ich ihnen im OP helfen möchte.
Stationsarbeit: Der Tag startet offiziell eigentlich um acht mit der Visite. Ich habe jedoch nie erlebt, dass die Visite pünktlich begann. Meistens ging’s erst so gegen zwanzig nach acht los. Das hängt bisschen damit zusammen, wann der zuständige Consultant auf Station erscheint bzw. manchmal war vor der Visite auch erst auch noch Handover. Handover dauern in England so irgendwas zwischen zehn und neunzig Minuten, so dass man teils dann seine Patienten halt erst um halb zehn visitiert. Wenn sich das Team für die Visite dann endlich mal zusammengefunden hat, alle einen aktuellen Übergabezettel haben, die super unzuverlässigen PCs hochgefahren sind, werden dann zunächst die Normalstation und anschließend HDU und ITU visitiert. Das sind immer so circa 15-30 Patienten insgesamt. Die Visite ist so wie alles in England ein einziges Chaos. Das geht schon damit los, dass man sich ständig so Plastikschürzen für jeden Patient neu anziehen muss, aber die Bay (immer 6 Patienten in einem sehr kleinen stickigen Raum mit Vorhängen zwischen allen Betten) so voller Betten, Vorhängen, Personal, Trolleys und Computer stehen, dass man sich eigentlich kaum wenden kann, um sich die neue Schürze für den nächsten Patienten anzuziehen. Dazu kommen dann regelmäßige Suchen nach Drug Charts, in noch händisch die Medikation notiert wird. Insgesamt ist eine englische Station einfach sehr trubelig mit wahnsinnig viel Personal verschiedener Professionen (Pfleger, Gesundheitsassistenten, Schwestern, Ward Manager, Pharmazeuten, Podologen, Reinigungsteam, Verpflegungsschwestern, Diätassistenten etc). Ich stand in diesem Visitenchaos eigentlich meist nur daneben und habe mal mitgetippt oder einen Verband gemacht oder Blut abgenommen. Eine richtige Funktion hatte ich nicht und habe vor allem versucht, nicht im Weg zu stehen. Nach der Visite verschwinden sämtliche Registrars und Consultants wieder von Station und die Juniors treffen sich in ihrem Büro, um ihre Job Liste zu schrieben, die sie dann im Laufe des Tages abarbeiten. Die umfasst vor allem Arztbriefe, MiBi- oder Radiologie-Telefonate, Medikamente oder kleine Stationsarbeiten. Zeit im OP oder Ambulanz ist für sie nicht vorgesehen und der eine wusste auch gar nicht, wo der OP überhaupt ist, geschweige denn wie man sich eine Bleischürze für die Endo anzieht:). Ich bin meistens im Laufe des Vormittags in den OP der die Ambulanz weitergezogen, da es bei den Juniors keine interessanten Sachen zu sehen oder lernen gab.
OP: Im OP dürft Ihr immer mit an den Tisch und nähen. Bei mir war das nachdem mich alle Consultants und Registrars besser kannten, irgendwann eine Selbstverständlichkeit. Es finden viele endovaskuläre Eingriffe statt, die ich wegen mangelndem Lerneffekt eher gemieden habe. An offen OPs gibt es regelmäßig offene Aortenaneurysmen-OPs, Endarteriektomie der Carotis und Femoralis und Bypasse sowie viele AV-Fisteln und Amputationen. Die Stimmung im OP ist super relaxt und freundlich und das Teaching für Studenten super. Englische Studenten sind in England jedoch kaum im OP. Umso mehr haben sich alle gefreut, dass ich so oft und motiviert da war. Am ungewohntesten war für mich, dass man sich selbst ohne Hilfe steril anziehen und einwaschen muss. Ich war damit anfangs komplett überfordert, aber die Leute sind mega lieb und helfen gern. Bringt Euch auf alle Fälle eure eigenen OP-Schuhe mit. In England werden diese nicht von der Klinik gestellt. OP-Kasacks und auch OP-Hauben aus Stoff gibt es genügend. Reguläre Bereichskleidung gibt’s in England nicht, da man eigentlich seine schickere Alltagskleidung trägt. In Canterbury macht das außer den Juniors, die ja nicht in den OP gehen, aber keiner. Stattdessen läuft man einfach den ganzen Tag im OP-Kasack durchs Haus.
Ambulanz: Die Ambulanz (Clinic) war für mich immer der Anlaufpunkt, wenn ich sonst nirgends spannendes gefunden habe. Es gibt hot clinics, regular clinics, sowie Aneurysma-surveilllance und ultrasound Clinic. Fast alle Untersuchungen werden von vascular nurse practioners übernommen. Das sind extra geschulte und examinierte Pfleger, von denen man sehr viel lernen kann und die sich immer gefreut haben, wenn ich in ihre Clinic gekommen bin. Sonst kann man aber auch mit einem Consultant in eine regular clinic gehen.
Fazit: Ein PJ in England ist vom Aufbau und Lerneffekt mit einem PJ in Deutschland nicht zu vergleichen, da es einfach kein britisches Äquivalent zu einem deutschen PJler gibt. Demzufolge schreibt Euch auch keiner vor, was oder wo genau ihr Euch einzufinden habt geschweige denn, was eure Aufgaben eigentlich umfasst. Ob und was ihr lernt und erlebt, hängt ganz von Euch ab und muss von Euch kommuniziert werde. Dazu gibt es regelmäßige obligatorische Meetings mit Eurem Supervisor. Diese hohe Maß an Eigeninitiative ist zum einen sehr schön und erlaubt eine große Freiheit bei der Wahl der Stationen, OPs und Ambulanzen. Insgesamt hatte ich eine sehr schöne Zeit im KCH. Ich durfte überall nach Lust und Laune vorbeischauen und mich ausprobieren, ohne irgendwelche Verpflichtungen zu haben. Da war für die erste 4-5 Wochen auch sehr angenehm und ich hatte eine sehr unbeschwerte PJ-Zeit. Nach einer Weile hat mich aber die Tatsache, dass ich eben keine richtigen Aufgaben hatte und auch die einzige Studentin war, eher genervt, da ich alle OPs und Ambulanzen durchhatte und so ein bisschen planlos durch die Klinik gestreift bin. Ich bin dann noch ein paar Tage mit dem internistischen POPS-Team mitgelaufen (perioperative care for the elderly undergoing surgery) und es hätte auch noch die Möglichkeit gegeben, in die Uro, die in England auch unter general surgery läuft, reinzuschauen.