Ich habe ein halbes Tertial Innere am Guy's Hospital gemacht. Das ist eines der größeren Krankenhäuser, das zum King's College, eine von 5 Londoner Universitäten, die Medizin anbieten, gehört.
Ich war auf der Onkologie, beim "Gastrointestinal-Team", wo das Krankheisspektrum hauptsächlich Tumore des Hepatobiliären Systems waren, es war jedoch auch möglich, anderes zu sehen, auf die Onko-Spezialambulanzen für Lunge, Uro, Gyn, Colorektal, oberer GI-Trakt etc. zu gehen, sogar die Studienambulanz war für mich als Studenten zugänglich. Es gab eine Vielzahl von seltenen Sachen am Fließband, die man sonst nirgends sieht, wie z.b. MEN, Mesotheliom, Thymom, Hepatoblastom, alle möglichen Sarkome,...
Es gab auch Tumorboards für alle diese Themen (und noch mehr, sogar CUP, cancer of unknown primary), fortbildungsmäßig war nix mit dem üblichen Nähkurs oder so, sondern Talks von Gästen aus aller Welt, ordentliche Journal Clubs, auch Pharmafirma-gesponserte Events waren an der Tagesordnung.
Generell war auf Anfrage vieles möglich, ich bin z.b. ein paar Tage einfach auf der Pathologie gewesen, weil es mich persönlich interessiert hat, mein Supervisor war hier wirklich sehr engagiert, dass er mir solche Sachen organisiert und auch das sonstige Team war nett.
Ich möchte hier noch ein Paar Schlüsselaspekte nennen, wo sich das ganze am drastischsten von Deutschland/Österreich unterscheidet:
- MAN DARF WIRKLICH NUR ZUSCHAUEN: Es gibt hierzu unterschiedliche Erfahrungen, bei mir war es so, dass ich tatsächlich NICHTS selber machen durfte. Vielleicht mal jemanden unter Aufsicht untersuchen, oder Anamnese, aber sonst wirklich nichts, nicht einmal Visitenwagen schieben, nur zuschauen. MAN HAT ALS STUDENT NICHT ZU ARBEITEN dort.
- ANWESENHEIT: Wie man will! Es ist meist bis 8 am Abend was los, du kannst kommen und gehen, wann du willst, keiner fragt nach. Es ist das, was du daraus machst.
- WOHNUNG & LEBEN: London ist ein teures Pflaster, ich habe mit dem zu dieser Zeit hohen Pfund inkl. Gebühren ca. 3500€ für die 8 Wochen gebraucht, und habe dabei in einem 8qm-Loch im Ghetto gewohnt. Zur Miete kommen noch generell höhere Kosten für Essen und so dazu, die U-Bahn kostet 130 pfund/Monat.
Was für die Wohnungssuche wichtig ist: In London ist das alles viel kurzfristiger, du findest am meisten wirklich spontan. Wenn du dir länger im Vorfeld was suchen willst, ist das fast nicht möglich, ich habe da echt viel Zeit dafür verschwendet für nichts. Auch wenn es abenteuerlich klingt, ich würde einfach ein Hostel reservieren, und was dauerhaftes finden, wenn man dort ist, so habe ich es gemacht. Der große Vorteil für diese 8-Wochen-Blöcke mit den schwankenden Einstiegsterminen ist nämlich: Ein Großteil der Zimmer werden in London wochenweise, und ab sofort vermietet. Preise starten typischerweise bei 100pfund/Woche, sparerooms.co.uk und gumtree sind zwar immer wieder voll mit scam, aber sonst brauchbar.
Zum mannigfaltigen Kulturellen Angebot Londons können sich andere wohl qualifizierter äußern, für mich selbst waren ein Haufen gute Metalkonzerte dabei.
Was ich aber spezifisch erwähnen möchte ist, dass man als "King's Student" (was man für die Zeit offiziell ist) ins sonst für die Öffentlichkeit nicht zugängliche Gordon Museum kann. Das ist eine Pathologisch-Anatomische Sammlung mit allerlei grotesken Präparaten, die wirklich Ihresgleichen suchen, der Wiener Narrenturm ist da nix dagegen.
- GESUNDHEITSSYSTEM: Das britische Gesundheitssystem hatte für mich immer den Ruf, knausrig, aber effizient zu sein. Ich kann das eigentlich vor allem in einem Punkt bestätigen: es wird dort viel, viel mehr ambulant gemacht, als bei uns. Dass dort jemand für eine Chemo stationär ist, ist selten, bei uns jedoch gang und gebe. Dadurch sind dort einerseits die Ambulanzen, Tageskliniken, etc. viel wichtiger, andererseits geht es auch viel früher weg aus dem Krankenhaus in Pflegeheim, Hospiz, Betreuung zuhause, oder auch z.b. von einem Tertiär- in Sekundärspittal oder umgekehrt. Das erfordert einen eigenen Logistikapparat der das managt, das machen dort sogenannte "specialist nurses". Das ist wirklich eindrucksvoll, vor allem in der Palliativmedizin, wo sie finde ich wirklich sehr fortschrittlich sind.
Es ist dort generell alles viel "differenzierter", es gibt im wesentlichen specialist nurses für alles, also welche die nur EKG machen, nur stechen, nur Logistisches, Brustkrebsschwestern, Stomaschwestern, etc.
Dementsprechend macht sich dort auch kein Arzt die blutabnahmen selber, die Pflege macht dort wirklich, wirklich viel.
Auch die Ärzte sind wie die Pflege in Teams organisiert, und jeder Patient wird von einem Team hauptbetreut, wobei aber sehr oft mehrere Teams einen visitieren für unterschiedliche Sachen, also z.b. bei einem Leberkrebs das Gastro-Onko-Team für Therapieplanung, das Palliativteam für Schmerzmedikation, das Gastroteam für Interventionen, usw.
Das ist so wie bei uns mit den Konsilen, nur dass es einfach viel ausgeprägter ist. Es ist hochinteressant, so ein spezialisiertes System zu sehen, der Nachteil ist aber, dass man eigentlich dadurch selber kaum den Überblick hat.
- STUDIENGEBÜHREN: in UK eine Normalität, zwar noch nicht amerikanische Verhältnisse, aber fast. Die Tatsache, dass man als Student für seine Ausbildung direkt zahlt, schlägt sich in vielerlei Hinsicht im Alltag nieder. Ich hatte das Gefühl, die Studenten dort gehen dadurch mit einer ganz anderen Haltung hinein, sie erwarten, dass man sich für sie wirklich Zeit nimmt, also die Ärzte ihnen nicht aus Eigennutz oder Idealismus was beibringen, sondern standardmäßig einen gewissen Aufwand für Lehre betreiben, schließlich zahlen sie ja auch dafür. Sie würden sich auch weniger anschaffen lassen, wo sie nichts lernen dabei, im Gegensatz zu Deutschland/Österreich, wo du dich mit deinem Spritzenheini-Dasein besser insofern arrangieren kannst, als du umsonst studiert hast, und da von dieser Bringschuld etwas an das System zurückgeben kannst.
Mit den Ärzten, die dich betreuen ist es dann ähnlich umgekehrt. Die haben kein Recht zu meckern, wenn du nicht produktiv bist, oder sie sogar bremst, denn das System kalkuliert das mit ein, Lehre ist dort nicht Freizeit, wo der Arzt ders mach einen Nachteil dadurch hat, sondern etwas, das auch was kosten darf. Die Uni, und die Ärzte, denen man von der Uni zugeteilt ist, sind hier einfach die Dienstleister, nicht du. Es bedeutet aber auch sie erwarten erst recht, dass du interessiert bist, Dinge nachliest, und was daraus machst, schließlich hast du ja gezahlt dafür.